Du sagst Physalis
Aber ich glaube an Märchen
Gedichte
Geest-Verlag 2017
ISBN 978-3-86685-656-1
116 S., 9,80 Euro

daraus: Nachwort von Alfred Büngen
Über die Kraft der Poesie oder wie uns Lyrik helfen kann, die sinnliche Realität zu entdecken
Zur Lyrik von Renate Maria Riehemann

Ein ungewöhnlicher Titel für einen Lyrikband, der sich dem Leser im Laufe der Lektüre aber rasch erschließt: „Du sagst Physalis – Aber ich glaube an Märchen“. Zwei Sichten auf ein und dieselbe Welt – das zieht sich in aller Konsequenz durch den neuen Band der Autorin. Reale Welt, in der wir leben, die uns den Blick begrenzt, doch „Geliebt-sein spüren, Liebe geben, darin liegt der Sinn im Leben“ als erweiterte Sichtweise. Die Begrenzung von Denken und Fühlen aufsprengen, nicht zuletzt durch die Poesie der Lyrik, durch die Kraft des Humanen, spüren, dass hinter der realen Wirklichkeit mit ihren Gesetzmäßigkeiten mehr liegt, wenn man es schafft, den Blick für das Dahinter zu entwickeln: „Eine Melodie legt sich / leuchtend übers weite Feld“. Diese Melodie vernehmen, die sinnliche Welt wahrnehmen, die Poesie der Welt zu entdecken, das ist die Aufgabe, der sich die Autorin stellt. Dazu gehört nicht nur der Glaube an die Kraft der Sinnlichkeit, an die Kraft der Fantasie, es gehört auch die vorhandene handwerkliche Fertigkeit dazu, den Leser genau auf diesen zu entdeckenden Weg zu bringen. Versmaß, Sprachfluss, Sprachrhythmus müssen wie bei der Autorin Renate Maria Riehemann stimmen, um dem Leser den Mut und die Lust zu geben, sich mit auf die Entdeckungsreise zur Fantasie und Schönheit dieser Welt zu machen. Und es gehört auch Mut dazu, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, etwa über die Unausweichlichkeit des Todes, den Irrtum der reinen Konsumorientierung, die Flucht in die Sucht und andere Themen, die Lyriker heute nur zu gerne in ihrem Gedankenkanon aussparen.
Und immer dann, wenn sich die Autorin beson¬ders komplexer und komplizierter Fragestellun¬gen annimmt, dann gelingen ihr ganz besondere Bilder, wie etwa dieses:
Die Zeit hängt weiß
zwischen den Zweigen,
verdeckt der Nächte
rote Spur.
Deutlich auch die intensive Naturbeziehung der Autorin. Dies macht ihr zum einen das Erfassen der Begrenztheit menschlichen Lebens deutlich, Natur ist stets eine endliche Größe, lässt sie aber auch verständliche Bilder für den Leser finden. Das Bild des schwarzen Vogels, der über Tal und über Schatten fliegt und auf dessen „Federn glitzern Fadenlügen“, ist nur eines von vielen beeindruckenden Beispielen.
Renate Maria Riehemann ist mit all ihrer Natur¬verbundenheit und mit all ihrer poetischen Tiefe auf dem besten Weg, eine auch über den Harz hinaus bekannte Lyrikerin zu werden, deren Texte und Bilder sich in Gedanken einnisten, die uns helfen, diesen Alltag besser zu verstehen.

Alfred Büngen
Verlagsleiter